Irgendwann ist es immer mal wieder so weit: der Gang zum Bürgeramt ist fällig.
Weswegen man den weiten Weg von der heimischen Couch zu diesem Ort der guten Laune, den lachenenden Gesichtern und den unmöglichsten Öffnungszeiten auch immer auf sich nimmt, man sollte auf jeden Fall eine Menge Zeit mitbringen.
Ich habe mir also einen kompletten Tag frei genommen. Nachdem ich ausgeschlafen und geduscht hatte, wartete ich also, bis die Pforten dieser heiligen Hallen mir den Eintritt gewährten.
Ich stieg in den Bus, gute Laune im Gepäck, und machte mich auf den Weg.
Dort angekommen, stieg ich aus dem überfüllten Bus wieder aus und musste feststellen, dass nicht nur ich die Idee hatte, an einem Donnerstag Morgen hierher zu tänzeln.
Nein, vor mir eine seit vielen Jahren, dank Liftingcremes, 40 gebliebene Dame. Sie trug ein wurtstfarbenes Oberteil, durch welches sich ihre tütenförmigen, BH-losen Brüste gut abzeichnen konnten, einen orangefarbenen ausgewaschenen Rock, der bis zu ihren Knien reichte wodurch man eine wunderbare Sicht auf ihre weißen, buschigen Stelzenbeine hatte, und braune Halbstiefel, die wahrscheinlich schon 3 Generationen überlebt haben. Die Haare hatten wohl länger kein Wasser mehr gesehen und von ihrer Schulter ging eine Handtasche ab, die sie fest unter ihren Arm drückte. Diese diente höchstwahrscheinlich als "Regentonne" für den austretenden Schweiß . "Ein Klischee", dachte ich mir, "und es lebt".
Neben mir eine Mutter mit ihrer höchstens sechs jährigen Tochter an der Hand und hinter mir ein älterer Mann mit Hut, der soeben aus seinem beigefarbenen Opel, mit Wackeldackel auf der Amature, ausstieg.
Fräulein Öko war nun also als erste an der Eingangstür angekommen und versuchte nun, sie aufzubekommen. Sehr groß und deutlich stand "Drücken" auf ihr geschrieben, was die werte Dame wohl nicht interessierte, denn sie ruppte und zog an ihr wie eine Geisteskranke. Nachdem sie nun fast an der Klinke hing dachte ich mir, helf ich ihr mal aus. "ich glaube, sie müssen drücken" sagte ich. Sie drückte also gegen die Tür, mit einer Kraft, die nicht einmal das armselig geringe Trinkgeld im Restaurant über den Tisch gleiten lassen würde. "Geht nicht, abgeschlossen wahrscheinlich"war ihre logische Antwort auf diesen Sachverhalt. Ich hielt kurz Inne und drückte dann ebenfalls gegen die Tür- und siehe da : sie war offen. Ab diesem Moment begann der Wettkampf. Jeder wollte als erstes am Empfangstisch ankommen, um so wenig wie möglich warten zu müssen. Nur wie kommt man dahin? Der Anblick, der sich vor uns auftat glich einem Labyrinth. Ein langer Flur von dem 9 Räume und 4 Treppen abgingen. An den Wänden unzählige Schilder mit verwirrenden Pfeilen "zum Bürgeramt". Der erste Pfeil zeigte die zweite Treppe hoch. Ich lief also in schnellem Tempo zur zweite Treppe, dicht gefolgt von den anderen Arschgeigen. Oben angekommen ging das Spektakel weiter. Wieder ein langer Flur, nur um einige Nummern größer und Schilder gab es auch keine mehr. Unsere Pappnasengruppe teilte sich also auf. Ich hatte Glück, denn das kleine Mädel konnte nicht lesen und stolzierte geradewegs in Richtung Herrentoiletten. Einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich der verzweifelten Mutter helfen sollte..aber ich hatte schließlich eine Mission. Nachdem ich 3 mal links, zweimal rechts und dann 300 Meter geradeaus gelaufen war, kam ich wieder an einer Treppe an "zum Bürgeramt". "Bingo", dachte ich mir. Endlich oben, war ich auch "schon" da. Ich war die erste, wobei ich von meiner linken ein schnaufen hörte. Kollege Wackeldackel hatte es also auch geschafft. Keuchend betrat ich den Empfangsraum und ging über die "Diskretion - Bitte hier warten" Linie hinweg. Es war schließlich niemand vor mir. Wobei dieser gedachte Abstand sowieso unglaublich viel bringt, da man ja auch überhaupt nicht hört, was zwei Menschen in 1,50m Entfernung sagen. Das ist allerdings ein anderes Thema. Ich stand jetzt also direkt vor der Empfangsdame. Circa 50 Jahre alt, Frisur Verschnitt Angela Merkel nur in Pudel, fliederfarbener Pullover, Tränensäcke bis zum Kinn und Herzförmige Schweißflecken unter den Armen. Gerade wollte ich ihr einen wundervollen guten Tag wünschen, da kam sie mir zuvor :"Könnse nich lesen?!" begrüßte sie mich freundlich. "Ihnen auch einen schönen Tag", entgegnete Ich. "Meinse wir maln da zum Spaß ne Linie uffn Boden? Ick glob nich. Stellnse sich bitte an wie alle andern ooch". Da ich ja gute Laune hatte und keine Lust auf eine Stundenlange Diskussion, ich war schließlich auf die Dame angewiesen, stellte ich mich also an der weißen Linie an. "So nächster", motzte sie als ich kaum dort angekommen war. "Jetzt hatse 'n arsch offen", dachte ich mir. Ich machte also einen großen Schritt und stand nun wieder vor ihr. "War aber auch wieder 'ne lange Schlange", sagte ich. Sie sah mich nur an und konnte über meinen, wie ich finde, sehr gelungen Witz wohl nicht so lachen :" Wennse nur auf quatschen aus sind jehnste zum friseur da bin ick nich für zuständig". Ich erklärte ihr also, weswegen ich da war. "ich würde gerne einen neuen Personalausweis beantragen". Nichtmal einen Blick bekam ich von ihr. Sie schielte über ihre, auf der Nasenspitze sitzenden Brille auf irgendwelchen bunt markierten Akten und schien mir nicht einmal zuzuhören. "..Entschuldigung?" fragte ich, und bevor ich den Satz beenden konnte entschied sie sich doch mit mir zu reden. "Ja wie wärt mit nem Bildchen von ihnen? Oder meinse ick mal jetzt 'n Portrait von ihnen?". Ich kramte in meiner Tasche herum und gab ihr ein Bild von mir in die Hand. Sie schaute kurz drauf, gab es mir wieder und drückte mir eine Nummer in die Hand :"so dit is jetzt ihre Nummer,jehnste da ins Zimmer, sei'n se möglichst leise und verpassenses nicht, wennse dran sind". Ich setzte mich also ins Wartezimmer und starrte auf den Bildschirm. Von meiner guten Laune war jetzt nicht mehr viel übrig.
nach gefühlten 3 Jahren war ich dann dran. "Platz 4" stand neben meiner Nummer auf der großen Anzeigetafel. Ich nahm die Beine in die Hand und suchte also Platz 4. Platz 3 war schnell gefunden.. und auch Platz 5 ließ nicht lange auf sich warten. "Moment, ist 4 nicht zwischen 3 und 5?" dachte ich. Ja, aber im Bürgeramt ist ja alles anders. Ich wetzte die Treppe runter, zweimal nach rechts, einmal nach links, dann wieder nach rechts.Ein Schild an der Wand "zu den Plätzen 1 und 4" ." Klar, macht Sinn" rief ich völlig erschöpft. Ich war also doch angekommen und auch schnell im Gespräch mit der etwas besser gelaunten Dame an meinem Platz. Als alles geklärt war und mir mitgeteilt wurde, dass ich meinen neuen Ausweis in 3 Wochen abholen könnte wollte ich gerade gehen, als mir auffiel, dass ich meine Tasche im Wartezimmer vergessen hatte. Ich eilte also wieder zu dem Raum der tausend vollgepupsten Stühle. Nach links, nach rechts dann noch zweimal links und die Treppe rauf. Langsam kannte ich mich in den Räumlichkeiten aus. meine Tasche war glücklicherweise noch da. Ich hing sie mir um und lief am Empfangsraum vorbei. "Hamse watt verjessen?" schallte es aus der Tür. "Ja" zu mehr war ich nicht mehr fähig. "Passense nächstet mal besser uff wir übernehm hier keene Haftung wennse wat verliern! Und ihre Nummer könnse ooch wegschmeißen, die brauchense nichmehr" knallte sie mir noch hinterher. Meine Laune war nun komplett in Keller gesunken und mir entgleisten jegliche guten Manieren :" Ich kann ihnen auchmal auf ihren Tresen kacken" rief ich ihr noch zu, bevor ich stampfend die Treppen runterging.
Ich freu mich schon, sie in drei Wochen wieder zu sehen, ich hoffe, Activia hält, was es verspricht.
Habt'n schönen Tach und bis zum nächsten Mal :)
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